Der Traumbaum
Exposé
-Kinderbuch-
Die drei Schwestern Gina, Angela und Larissa spielen im Park, wo ein riesenhafter Kletterbaum steht. Als sie alle drei gemeinsam wie verzauberte Raben auf einem Ast sitzen, kracht dieser mit ihnen zu Boden. Sie erwachen zu Hause in ihren Betten. Erst später merken die drei ungleichen Mädchen, dass sie alle den selben Traum hatten. Aus der gemeinsamen Rekonstruktion heraus erkennt die Jüngste, dass ihr nach dem Sturz ausgesprochener Wunsch, zu Hause zu sein, der Auslöser für ihre so plötzliche Rückkehr gewesen sein musste. Sie wünscht sich daher schnurstracks ein Pony.Dieses steht augenblicklich im Garten der Familie. Der Wunsch der zweiten Schwester, Angela, von ihrem heimlichen Schwarm endlich auch geliebt zu werden, manifestiert sich nicht sofort. Doch als er sie am selben Tag noch zum Fussballspielen einlädt, ist sie überglücklich. Die andern lachen sie jedoch aus und suchen weiter nach dem wahren Besitzer des „entlaufenen“ Ponys. Die Älteste, Gina, verhöhnt sogar die ganze Geschichte, indem sie sich im Scherz auf eine Reise durch die Weltgeschichte wünscht. Leider hat der Baum aber auch ihr die Fähigkeit des Wünschens verliehen und nimmt sie beim Wort. Sie verschwindet auf der Stelle. Gleichzeitig erscheint Angelas Angebeteter und will sie abholen.Nun hat die Familie drei Probleme gleichzeitig: Die verschwundene Gina, die von ihrer Reise Souvenirs verschiedener Epochen nach Hause schickt (einen Meteoriten, steinzeitliche Knochen, römische Schreibtafel, etc.), Angelas plötzlich übereifrigen Verehrer und das Pony, das versorgt und bewegt werden will. Mit vereinten Kräften versuchen sie, die ganze Sache rückgängig zu machen, doch es gelingt nicht. Gina hingegen rast durch die Entwicklung der Geschichte, und erst als sie die Gegenwart streift, kann sie kurz direkt Kontakt mit ihren Schwestern aufnehmen. Sofortiges Handeln ist gefragt, denn es zieht sie bereits weiter in die Zukunft hinein. Von dort kann sie jedoch endlich die Lösung mitteilen, weil sie sie beobachtet hat: Unter dem Traumbaum müssen alle ihre Souvenirs dem Pony vorgesetzt werden, auf welchem Angelas Freund reitet, während sich die Schwestern auf den abgebrochenen Ast setzen. Mit vereinten Kräften wünschen sie sich Gina zurück – und siehe da, es funktioniert.
Hintergrund:„Pass auf, was du dir wünschst – es könnte wahr werden.“ Die drei Mädchen sind meine eigenen Töchter und ihre Wünsche haben sie selbst formuliert. Beim Durchdenken der möglichen Konsequenzen wurde ihnen klar, was möglich wäre und was nicht, welche Folgen sie tragen möchten, und welche nicht. Die Geschichte soll auf lustige Weise darstellen, wie leichtfertig wir teilweise unsere Wünsche formulieren, und was geschehen könnte, wenn sie das Schicksal tatsächlich in die Wirklichkeit umsetzen würde. Umfang: ca. 130 Seiten.
Textprobe
-Ende von Kapitel 2-
„Ja!“, zischte Larissa. „Und dann sind wir alle auf einen Ast gesessen…“
Angelas und Ginas Gesichter wurden immer länger. „Wie die Raben bei Krabat“, sagte Gina mechanisch.
„Genau, und dann…“
„wollten wir fliegen und schlossen alle die Augen…“, fiel Angela ein,
„und dann krachte der Ast zu Boden…“
„und ich hatte Kopfschmerzen und wollte heim“, schloss Gina die geminsame Schilderung.
Alle waren platt. Wessen Traum war das nun genau? Die drei Kinder starrten sich an, langsam begreifend, dass sie alle das Gleiche erlebt hatten. Die Erwachsenen brauchten etwas länger, um zu verstehen, dass hier etwas geschehen war, was es gar nicht gibt. Eigentlich.
„Wer wollte denn, dass wir uns alle auf diesen blöden Ast setzen?“ keifte Larissa. Das war ihre Art, mit dem Unfassbaren umzugehen. Jemand musste ja schuld sein.
„Und wer wollte sich wünschen, dass wir fliegen können?“, keifte Angela zurück, die sich offenbar angegriffen fühlte.
„Ich sagte ja, auf die Nase!“, schmollte Gina. „Hättet ihr auf mich gehört! Aber mich beachtet ja keiner!“
Anita versuchte immer noch, die Schilderungen ihrer Kinder in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen. „Also, nochmal: Wer hat denn nun geträumt von diesem Kletterbaum?“
„Ich!“, schrien alle drei im Chor.
„Es hat so weh getan! Ich dachte, meine Nase sei gebrochen!“
„Und ich, mein Arm!“
„Ich konnte gar nicht hinsehen, ich wollte nur heim!“, sagte Gina.
„Hmmm“, überlegte Larissa. „Du hast gesagt: ’Mami, ich will heim’“
„Ja, ich glaube.“
„Mit geschlossenen Augen?“
„Ja, sag ich doch!“
Larissa schloss die Augen und sagte laut und deutlich: “Ich will ein eigenes Pferd!“
3. Überraschungsgast
Anita hielt im Abräumen ein. Angelas Löffel blieb auf halbem Weg vor dem Mund in der Luft hängen. Ginas Augen wurden fast so gross wie die Gläser ihrer neuen Brille. Larissa erstarrte. Hatten sie nicht gerade eben ein Wiehern gehört?
Wie von einer Wespe gestochen sprang Larissa auf und rannte zum Balkon. „Mama, Mama, es ist da! Es ist wirklich da!“
Ihre Schwestern und Anita kamen ebenfalls angerannt. Daniel brummte was von ‚spinnen jetzt alle?’. Und gesellte sich dazu. „Hä? Was macht denn dieser Gaul in unserem Salat!“
„Das ist kein Gaul!“, entrüstete sich Larissa, „Das ist mein Pferd!“ Und schon sauste sie die Treppe runter zu dem braunweiss gefleckten Indianerpferd, das sich im Garten gerade vom Salat weg genüsslich den Erdbeeren zuwandte.
Anita war immer noch starr vor Überraschung. Was ging hier vor? Angela indessen begann zu begreiffen. Sie schloss die Augen ganz fest und rief: „Ich wünsche mir, dass Nico mich liebt!“
Alle auf dem Balkon starrten sie an. Daniel schüttelte den Kopf, dann lachte er laut heraus: „Seid ihr jetzt alle verrückt geworden?“ Anita fühlte Ärger hochkommen. „Ein fremdes Pferd zertrampelt unsern Garten und du denkst an deinen Nico! Du lebst wirklich in den Wolken!“ Dann ging sie ebenfalls hinunter um das Tier aus den Beeten heraus auf den Rasen zu führen. Gina stand nur mit offenem Mund da.
Angela schaute um sich. Nichts. Sie ging zum Briefkasten. Leer. Sie nahm das Telefon in die Hand. Stille. Betreten und enttäuscht schlich sie um Larissa, Gina und Mama herum, die das Pferd begutachteten und streichelten. „Wir müssen herausfinden, wem es gehört.“„Mir!“, rief Larissa mit leuchtenden Augen. „Ich hab’s mir gewünscht und hab’s bekommen. Es gehört mir!“ Zärtlich legte sie ihren Kopf an seinen Hals. „Ich werde es Cheyenne nennen.“ Als ob es einverstanden wäre, stupste das Tier Larissa mit der Nase an.„Und wo willst du es unterbringen?“ Gina hatte ihre Sprache wiedergefunden.„Wir können ihm in der Garage einen Stall einrichten, die braucht ihr ja doch nie. Daniel, darf ich?“ rief sie zum Balkon hoch, wo Daniel die Szene beobachtete. Doch der schüttelte nur den Kopf und lachte.„Kommt nicht in Frage!“ sagte Anita. „Das Pferd muss irgendwo entlaufen sein. Ich rufe jetzt die Polizei an und frage nach, ob es vermisst wird.“ Damit ging sie ins Haus zurück.„Gina?“, fragte Angela ihre ältere Schwester. Auch wenn die zwei sich öfter mal in den Haaren lagen, so war doch Gina für Angela immer noch Anlaufstelle bei wirklichen Schwierigkeiten. Und jetzt brauchte sie Hilfe. Gina merkte den Unterschied in der Stimme und wandte sich ihr zu.„Meinst du wirklich, das Pferd ist wegen Larissas Wunsch hier?“Gina dachte nach und schüttelte dann langsam den Kopf. „Ich denke nicht. Sowas gibt’s doch nur im Märchen! Es muss eine logische Erklärung geben.“ Aber ganz sicher war sie nicht.Angela liess den Kopf hängen. „Das wäre auch zu schön gewesen. Aber ich habe das schon vermutet.““Wieso?“„Ich habe mir auch was gewünscht. Aber er ist nicht gekommen. Der wäre doch sonst auch da, oder?“„Nico! Wieso sollte er! Du kannst doch nicht andere Leute verzaubern!“ Ginas Geduld war schon wieder etwas strapaziert.„Aber das Pferd …“ gab Angela zu bedenken.„Ja, das Pferd. Hm.“„Kinder, müsst ihr nicht zur Schule? Ich suche jetzt mal nach dem Besitzer dieses netten Gastes da.“„Nein, Mama, nicht! Ich will Cheyenne behalten!“, jammerte Larissa.„Und wenn er einem andern Mädchen gehört, das jetzt traurig nach ihm sucht?“, versuchte Gina zu vermitteln.Mit hängendem Kopf trottete Larissa zur Schule. Sie wollte niemandem das Pferd wegnehmen. Aber hergeben wollte sie es auch nicht mehr. Angela war gespannt auf Nico. Wenn ihr Wunsch vielleicht doch was bewirkt hatte?
Gina hatte an diesem Nachmittag schulfrei und beschloss, der Mutter bei der Suche nach dem Pferdebesitzer zu helfen. Vielleicht liess sich mit diesem ja als Finderlohn eine Abmachung für Larissa treffen.
4. Liebe auf Bestellung
„Mama!“ rief Angela schon von weitem. Dicht gefolgt von Larissa stürmte sie freudestrahlend um die Ecke in die Hauseinfahrt. Anita war nicht so gut gelaunt. Sie hatte zwei Stunden lang überall herumtelefoniert, ob nicht doch irgendwo ein Pferd vermisst werde. Erfolglos. Niemand wollte etwas davon wissen. Sie hatte gerade nachgesehen, ob der Gaul überhaupt noch da war. Aber ja, das Tier schien wirklich sehr anhänglich zu sein. Es weidete zufrieden hinter dem Haus.
Erstaunt schaute sie ihre grossgewachsene Tochter an und versuchte sich auf sie zu konzentrieren. „Was ist denn los?“, fragte sie halb amüsiert, halb das Schlimmste befürchtend.
„Nico, er … er hat mich gefragt, ob ich … heute … darf ich, Mama, bitte … ob ich mit ihm Fussball spielen gehe, oh bitte, bitte, ich darf doch, oder?“
„Mama, ist Cheyenne noch da?“, drängte sich Larissa aufgeregt dazwischen.
„Ja.“
„Oh danke Mama! Tschüüsss!“
„Stop! Das galt Larissa, nicht dir!“
„Aber …“
„Nico wer? Der dich immer links hat liegen lassen? Jetzt auf einmal?“
„Ja, ich hab’s mir doch gewünscht! Er liebt mich!“
Gina schlug sich die Hand auf die Stirn: „Jetzt ist sie völlig übergeschnappt!“
„Bin ich nicht!“
„Wo ist Cheyenne, Mama? Im Stall?“, wollte Larissa wissen und hüpfte um sie herum.
„Stall? Ach was! Hinter dem Haus. – Angela! Jetzt mal langsam, ja? Nico hat dich eingeladen, mit dir Fussball zu spielen?“
„Ja, sag ich doch.“
„Ich kann’s nicht glauben! Monatelang jammerst du uns die Ohren voll, Nico, dein wunderbarer Nico, sehe dich nicht an, wolle nichts von dir wissen, und auf einmal, nur weil ein Pferd sich in unsern Garten verlaufen hat, lädt dich der Kerl zum Fussballspielen ein!“ Anita redete sich in Rage. „Manchmal wünschte ich …“
„Nein, Mama, tu’s nicht!“, schrieen alle drei Mädchen entsetzt auf!
Verblüfft hielt die Mutter inne, sah in die weit aufgerissenen Augen ihrer Kinder, und plötzlich musste sie lachen. Die Mädchen entspannten sich und fielen mit ein. Auf einmal kam ihnen die ganze Geschichte völlig unwirklich vor. Ein guter Witz. Sie lachten bis ihnen die Tränen kamen. Larissa setzte sich ins Gras, Angela hielt sich den Bauch und Gina schnappte nach Luft.
Vom ungewohnten Lärm angezogen blickte Cheyenne um die Hausecke. Mit einem fragenden Ausdruck um die grossen braunen Augen trottete er näher und gesellte sich zu der sich immer noch kugelnden Menschengruppe. Larissa sprang auf und fiel ihm um den Hals. Langsam wurde sie wieder ernster.
„Hast du dich wirklich nur verlaufen?“, fragte sie ihn leise und tätschelte seinen kaffebraun-weiss gescheckten Hals.
„Aber Nico hat mich eingeladen!“, begann Angela wieder zu schmollen.
„Ja, ja, klar, ihr habt euch das alles gewünscht!“, rief Gina spöttisch. „Huuuh, ich bin Djina, der Flaschengeist, euer Wunsch sei mir Befehl!“
„Ach, hör schon auf, Gina!“, bemühte sich Mama zu sagen und wischte mit dem Handrücken die letzten Tränen aus den Augen. „Irgendwie seltsam ist es ja schon, oder?“
„Oh ja, seltsam! Huuuuh! Ich bin Djina und ich wünsche mich jetzt auf eine Reise durch die Weltgeschichte! Huuuuh!“, blödelte Gina mit geschlossenen Augen weiter.
Ein Windstoss liess einige Blätter hochfahren und durcheinander wirbeln. Mama, Larissa und Angela starrten entsetzt auf die Stelle, wo Gina soeben noch gestanden hatte. Die Blätter segelten gemächlich zu Boden, hüpften noch ein paar Zentimeter weiter und blieben liegen.
„Angela!“
Die erstarrten Gesichter drehten sich langsam zur Einfahrt hin und wurden noch eine Spur blasser.
„Angela, kommst du jetzt Fussball spielen?“, rief ein Junge mit roter Baseballmütze.