Freitag. Feierabend des ersten Kurstages. Meine Kollegin und ich verabreden uns vor weiteren Teilnehmern für den nächsten Morgen:
“Wann hole ich dich ab?”
“Wir brauchen vierzig Minuten. Also Viertel nach für mich und zwanzig nach für dich.”
“Ok.”
“Bis morgen also.”
Etwas verwirrt schauen die Kollegen und lachen.
“Was war denn das jetzt für eine Geheimsprache?”
“Sie holt mich ab”, erkläre ich, “aber weil sie immer zu früh ist und ich immer zu spät, nennen wir unterschiedliche Zeiten und treffen uns in der Mitte.”
Samstag. Pünktlich um Viertel nach neun stehe ich bereit. Meine Kollegin kommt um zwanzig nach neun. Erste leichte Verwirrung, dann lachen wir beide.
“Wir haben’s langsam im Griff, was?”
Entspannt und gemütlich plaudernd fahren wir zu unserem Kurs. Es reicht locker.
“Noch zehn Minuten haben wir Zeit”, sagt sie und wir staunen, warum alle schon so nach arbeiten aussehen.
“Wenn ihr um zehn anfangen wolltet, seid ihr pünktlich”, begrüsst mich meine Gruppe. Auf dem Programm stand halb zehn!
Sie sind schon bereit, mit Papier und Bleistift bewaffnet, und ich setze mich direkt in die Rolle der Klientin. Das Thema für das Coaching ist schnell gefunden: “Warum komme ich immer wieder zu spät, verwechsle Zeiten oder vergesse wichtige Dinge mitzunehmen?”
“Was möchtest du stattdessen?”
“Ich möchte mir anvertraute Aufgaben verlässlich und gründlich ausführen können.”
“Und wie machst du das?”
So entwickelt sich unser Autonomietraining Schritt für Schritt hin zu einem passgenauen Motto: “Die Lösung entsteht aus mir selbst und ich darf mir Zeit zur Vorbereitung nehmen.” Das wird mir helfen, aus der ewig gleichen Falle herauszukommen.
Eine neue Übungssequenz wurde erfolgreich durchgeführt und gleichzeitig ein weiteres Steinchen in mein Entwicklungsmosaik gesetzt. Das Thema lag auf der Hand.
Mittag. Meine Mitfahr-Kollegin kommt lachend auf mich zu.
“Ich bin noch nie in meinem Leben so entspannt und cool zu spät gekommen.”
“Wir haben ja noch zugehört”, wirft ein Kollege ein. “Wir sassen ja daneben.”
“Ihr hättet auch mitrechnen können”, spiele ich die Vorwurfsvolle,”Viertel nach und vierzig Minuten gibt niemals halb zehn!”
“Das ging alles viel zu schnell”, verteidigt er sich und lacht mit.
Abend. Wir sitzen wieder im Auto Richtung Wohnort. Meine Kollegin lacht schon wieder über das herrliche Verspätungserlebnis. “Normalerweise habe ich immer Angst und bin total nervös, wenn die Zeit knapp wird. Aber du hast gesagt um Viertel nach und ich hinterfragte das keinen Moment. Als ich dann merkte, dass wir zu spät sind, erlebte ich auch schon, dass es überhaupt nichts machte. Niemand war sauer, alles war kein Problem.” Und auch sie hat in der Klientenrolle ein Motto erarbeitet: <Ich darf meinen Erfahrungen vertrauen!> “Wenn ich also in Zukunft zu spät komme, “erklärt sie mir ernst”, liegt das nicht daran, dass ich so schlampig mit der Zeit umgehe, sondern an meiner Erfahrung. Ich werde immer wissen, dass ja gar nichts Schlimmes passiert.”
Sonntag Morgen …
… werde ich pünktlich sein und alles mit dabei haben, was ich brauche? Aber worauf ich noch viel gespannter bin: Wie lange muss ich wohl am Treffpunkt auf meine Kollegin warten?
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